Schon immer haben Menschen mit allen möglichen Hilfsmitteln Musik gemacht. Die im Lauf der Zeit entstandenen und uns geläufigen Instrumente sind nicht die einzigen Klangerzeuger. Ständig enstehen neue Instrumente, Materialien und Techniken werden getestet, ungewöhnliche Klangkörper konstruiert oder Objekte des Alltags zweckentfremdet.
Für den amerikanischen Komponisten Harry Partch, immer noch eine eher unbekannte Größe aber für die Entwicklung der modernen Musik von enormem Einfluß, konnten nur die von ihm entwickelten Instrumente seine Musik transportieren, genauso wie die Einstürzenden Neubauten ihre neuen Klangwelten nur zusammen mit gefundenen und modifizierten Objekten kreieren konnten oder Aphex Twin erst seine cheap electronics umbasteln mußte, um seinen eigenen sound zu finden.
In Bezug auf die Glasharfen, Eunuchenflöten und anderen versunkenen Klangwelten im Bayerischen Nationalmuseums bringt diese Nacht der verlorenen Musik heute rare Tonträger und Videos mit Harry Bertoia’s Klangskulpturen und den legendären Instrumenten von Harry Partch; wir hören Theremins und andere frühe Elektronik und sonstig seltsame tönende Eigenbauten bis zu aktuellen Klang- und Vinylexperimenten.
Zur legendären Harry-Nacht: Harry Bertoia - Harry Lime -Harry Partch
aus der Serie Cover of the week, heute:

Joseph Beuys - Henning Christiansen.
Schottische Symphonie - Requiem of art.
Edition Schellmann 1973

A/B: Joseph Beuys/Henning Christiansen:
Schottische Symphonie (aus 'Celtic').
College of Art, Edinburgh, 21.8.1970

C/D: Henning Christiansen:
Op.50, Requiem of art (aus 'Celtic')
(Fluxorum Organum II)

Limited edition 140/500

Cover art gallery
aus der Instrumentensammlung des Bayerischen Nationalmuseums
Eunuchenftöten, Süddeutschland (?), Ende 17. oder Anfang 18. Jahrhundert, Ahorn, Membran aus Fischhaut

Eines der fünf Blasinstrumente, die Marin Mersenne 1636 im Abschnitt über die Chalumeaux à un, ou plusieurs trous, die Schalmeien mit einem oder mehreren Grifflöchern, beschreibt, versah er mit dem Zusatz eunuque, woraus im Deutschen die Bezeichnung Eunuchenflöte oder -pfeife entstand. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein Musikinstrument, sondern um ein akustisches Gerät, mit dem man den Klang der menschlichen Stimme verändern kann.

Das '
Geheimnis' der Eunuchenflöte besteht aus einer Membran, einem dünnen Häutehen aus pflanzlichem oder tierischem Material (zum Beispiel von der Zwiebel, vom Fisch oder Schaf), das ähnlich wie das Fell einer Trommel über das obere Ende eines Rohrs gespannt ist. Seitlich im Rohr, nicht weit von der Membran entfernt, ist ein Loch gebohrt, in das der Spieler hineinsingt oder hineinspricht. Durch den Klang der Stimme wird die Membran in Schwingung versetzt und gibt eigene Geräusche von sich, die den Ton verfremden. Rohr und Schallstück bewirken dabei eine Verstärkung des Tons, der Aufsatz in Form einer durchlöcherten Kugel dient zum Schutz der Membran.

Wie Marin Mersenne berichtet, konnte man ein ganzes Ensemble mit vier oder fünf Eunuchenflöten unterschiedlicher Größen zusammenklingen lassen. Dabei gab der leicht schnarrende, nasale Klang, der durch das Mitschwingen der Membran hervorgerufen wird, nach dem Empfinden jener Zeit dem Gesang eine zartere Wirkung. Mersenne schreibt, daß er diesen Klang dem aller übrigen Flöten vorziehe. Ausschlaggebend für diese besondere Wertschätzung war wohl vor allem, daß man mit einem «Instrument», in das man hineinsingt, den Klang und die Artikulation der menschlichen Stimme naturgemäß am vollkommensten nachahmen kann. Dies aber galt damals als das höchste Ziel instrumentalen Musizierens.

Gelegentlich hat man - vielleicht um die Zuhörer über die wahre Natur der Eunuchenflöten zu täuschen - den Tubus mit blinden oder tatsächlich gebohrten Grifflöchern verschen. Solche Tonlöcher haben aber nie Einfluß auf die Tonhöhe, die ausschließlich vom Gesang des des Spielers abhängig ist.
Glas

Wer hätte nicht schon einmal selbst versucht, einen kristallklar glänzenden Weinkelch singen zu lassen? Rasch wird ein Finger benetzt und auf den Glasrand gelegt, und nach einigen Sekunden beginnt das Glas zu schwingen ... in einem unverwechselbaren Ton, rein und glanzvoll wie das Glas, dem er entstammt.
Kaum jemand weiß, daß solche Glasmusik nicht nur im Wirtshaus, sondern auch in den Konzertsälen der Welt beheimatet ist. Schon im späten Mittelalter begeisterten Spielleute ihr Publikum mit Instrumenten aus Glas; die zahlreichen aufeinander abgestimmten Kelche wurden mit Klöppeln angeschlagen oder mit einem feuchten Finger angespielt.
Ein solches Glasspiel ist bereits in Gaffurios "Theoria Musicae" von 1492 dargestellt; das älteste erhaltene Instrument (datiert um 1594) befindet sich in der Sammlung von Schloß Amras bei Innsbruck. In der ernsten Musik war der Klang des Glases zuerst in England zu hören. Richard Pockrich erregte in den 1740er Jahren Aufsehen mit seinem Glasspiel, auf dem er nach einem zeitgenössischen Bericht sogar Händels Wassermusik interpretierte. Diese Glasmusik wurde rasch populär, sie schien den Nerv der Zeit zu treffen. Unter den bald zahlreich auftretenden Musikern befand sich auch Christoph Willibald Gluck. Enthusiastisch versprach er in einer Konzertankündigung, auf 26 mit Quellwasser gestimmten Gläsern alles auszuführen, was auf einer Violine oder einem Cembalo gespielt werden kann". Die eigentliche Blüte der Glasmusik begann mit einer Erfindung des Amerikaners Benjamin Franklin. Er verwendete 24 Glasglocken, die physikalisch auf die gewünschten Tonhöhen zugestimmt worden waren. Die Glocken wurden ineinander geschoben und auf einer horizontalen Achse befestigt, welche über einen Pedalantrieb in Rotation versetzt werden konnte. Der Spieler brauchte nun nur noch die nassen Finger gegen die rotierenden Glasränder zu drücken. Durch die Nähe der Glasränder zueinander wurde überdies die Ausführung schnellerer Läufe und mehrstimmiger Akkorde wesentlich vereinfacht.
Ihren Siegeszug durch Europa trat die Glasharmonika 1764 an, gespielt von Marianne Davies aus London. Friedrich Schiller schrieb über ihre "mächtige Wirkung", Johann Wolfgang Goethe hörte gar "das Herzblut der Welt" aus den Kelchen. Von Johann Adolf Hasse ist uns die erste Komposition für Glasharmonika überliefert; eine Vielzahl anderer Tonsetzer folgte. Die großartigsten Werke wurden schließlich von Wolfgang Amadeus Mozart - noch in seinem Todesjahr - verfaßt: das Adagio für Glasharmonika solo sowie ein zweisätziges Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Bratsche und Cello, geschrieben für die bedeutendste Virtuosin seiner Zeit, Mariane Kirchgessner.
Mit der Entwicklung des Symphonieorchesters hin zu immer stärkerer Besetzung geriet der zarte Ton der Glasharmonika jedoch bald nach der Jahrhundertwende wieder in Vergessenheit. Große Komponisten verlangten zwar immer wieder ihre unvergleichliche Wirkung in der Bühnenmusik, so z.B. Ludwig van Beethoven ("Leonore Prohaska"), Gaetano Donizetti ("Lucia di Lammermoor") und schließlich Richard Strauss ("Frau ohne Schatten").
Doch gab es immer weniger Glasbläser, die sich auf die Herstellung der fein abgestimmten Glocken verstanden, und unter den Musikern war das Instrument nach seiner Verwendung durch den Psychiater Franz Mesmer als nervenschädigend verrufen. So mußten die Harmonikaparts zunehmend von anderen Instrumenten - Flöten, Celesta - übernommen werden.

Erst in unserem Jahrhundert wurde die Glasmusik wiederentdeckt. Inzwischen haben sich auch zeitgenössische Komponisten wie Harald Genzmer der neuen Instrumente angenommen, und einige Musiker, vor allem in Deutschland und Nordamerika, haben die Glasmusik in die Konzertsäle zurückgebracht.
Playlist
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Bow Gamelan Ensemble, Great noises that fill the air, Kunker Zoudz 1988
Echo, The images of sound II
, 1987, Apollo Records
Terry Fox
, Berlino - Rallentando, 1988, Apollo Records 1988
Jerry Hunt, 1976-1978, Irida
Snap, Crackle & Pop
, no label
Otto M. Zykan
, MAK 1993
Sound sculptures
, 1985, Wergo
Futurism & DADA reviewed
, Sub Rosa
Akio Suzuki
, Soundsphere, 1990, Het Apollohuis
Gordon Monahan
, Speaker swinging, 1987
Airwaves
, One ten records 1977
Stephan Froleyks
, 10 Pfeifen - Musik für Saitenwanne, Nur/Nicht/Nur 1991
Musicworks 36: Rocks & water
, 1986, Musicworks 36 1986
Musicworks 48: 1990 Newfoundland Sound Symposium
Paul Panhuysen - Johan Goedhart
, Long String Installations 1982 - 1985, Apollo Records 1986
Alison Knowles, Frijoles canyon, Nonsequitur/What Next? 1992
Museet for samtidskunst
(hrsg), Ord, billed, lyd, Palæet i Roskilde, 1985
RAS Revista de arte sonoro
, Laboratorio de Sonido Faculdad de Bellas Artes 1996
Henning Christiansen, Konstruktioner 1964-1967, Paula Prod.nr.19
-, Fluxid, Musik essayistik, Borgen Records 1983
-, Fluxyl, Musik essayistik, Borgen Records 1984
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, Works for piano & prepared piano vol.II, 1983-1987, Wergo 1988
-, Works for piano, toy piano & prepared piano vol.III, Suite for toy piano, The seasons, Music for ampilfied toy pianos, 1976-1989, Wergo 1991
John Cage, Max Neuhaus
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Bruno Hoffmann
, Glass harmonica, Ludwig van Beethoven. Romanze in Gdur, Johann Naumann. Duo für Glasharfe und Laute, Sonate in Cdur ..., Candide
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und andere