Laar evolved what amounts to a sculptural approach to sound, and a sense of The Big Picture, uncommon among improvisation’s detail fetishists (Steve Lake / Wire)
Der Musiker Kalle Laar kultiviert in den Performances seines Temporären Klangmuseums eine ganz eigene Sound-Kultur. Wenn Erik Satie mit seiner Musique d’Ameublement einen Raum möblieren wollte, dann bringt Kalle Laar eine anhaltede imaginäre Bewegung in den Raum,
die so wirkt, dass man sich beständig der Musik vergewissern muss. Denn was er am Mischpult mit LPs, CDs, und Elektronik zaubert, sind nichts anderes als Klänge und Strukturen, die sich beständig auflösen. Jeder Moment wird zu einem Moment des Übergangs. Nie darf man sich sicher fühlen.

Kalle Laar, in Deutschland geboren, aber lettisch-estnischer Herkunft, bewegte sich Anfang der 90er Jahre in der Improvisationsszene als Gitarrist im Duo mit Takashi Kazamaki. Man spürt auch sofort bei seinen DJ-Auftritten, dass hier ein Musiker am Pult steht, der mit den Formen und ihrer Selbstauflösung spielt. Plattenspieler und Mischpult sind für ihn legitime Musikinstrumente, die lediglich anders zu bedienen sind als die herkömmlichen. Seine Musik hat mittlerweile eine solche Detailsensibilität entwickelt, dass sich die Frage nach stilistischen und kulturellen Grenzen oder Kategorien (wie tanzbar vs. nicht tanzbar) gar nicht mehr stellt – es ist ein einziger Fluss der Klänge. Er selbst spricht von ‘Hör-Reisen’, man kann auch Ohrenkino dazu sagen. Denn wie ein Film folgen die Klänge, die eingebetteten Songs, die Verweise und Zitate einer Dramaturgie, die durch und durch musikalisch ist. Das Exotische steht hier neben dem Alltäglichen und eins verwandelt das andere, schärft nicht nur die Wahrnehmung für feine Klänge und Differenzen, sondern relativiert auch die Vorstellungen, die man sich von dem Nahen und dem Fremden gemacht hat. Wenn man diese Performances mit einem Begriff belegen möchte, dann vielleicht mit dem Attribut ‘selbstbefremdlich’, denn innerhalb dieses Kontinuums gelingt es Kalle Laar, die Musik sich selbst in Frage stellen zu lassen.

Kalle Laar ist u.a. auf CDs mit Elliott Sharp, Christian Marclav, William Parker, Kazutoki Umezu zu hören. Inzwischen liegen neben Soloauftritten im Spannungsfeld zwischen DJ- und elektronischer Musik die Schwerpunkte auf der Entwicklung von Klanginstallationen, der Arbeit an Hörspielen und der Komposition von Theatermusik. Zusätzlich arbeitet Kalle Laar noch als Herausgeber für das Trikont - Our Own Voice-Label, besitzt einen Lehrauftrag für Architektur und Klang an der Fachhochschule München.
Christian Wolf, Saalfelden Jazzfestival Programm 2002
Inevitable to agree that because of Laar’s ability to surprise, all attempts to categorise or define his playing are sheer waste of time ... it may intrigue listeners again and again (VOX)
Derzeit liegt ein Schwerpunkt der Arbeit neben der Konzerttätigkeit und Auftritten als dj auch bei der Betreuung von Veranstaltungen, die ein besonderes Soundkonzept voraussetzen, beispielsweise Vernissagen und Museumseröffnungen (Museum für moderne Kunst Karlsruhe), Produktpräsentationen (Ingo Maurer - Ron Arad). Dies beinhaltet auch die Zusammenarbeit mit anderen Medien (Preisverleihung Elida Fabergé Filmfest München, live-Vertonung von Filmen - Veranstaltungen am Filmhaus Köln) oder den Aufbau von Klanginstallationen (Bad Mariabrunn, Lukaskirche München, There is no sound in space, lothringer13, Architecture Parlante: Talking Windows Kanzler München, Stimme der Wissenschaft, Deutsches Museum 2003).
In den letzten Jahren hat Laar mit vielen außergewöhnlichen Musikern zusammengearbeitet (z.B. Butch Morris, Christian Marclay, Dietmar Diesner, Johannes Bauer, Wayne Horvitz, Conny Bauer, Markus Stockhausen, Sato Michihiro), nahm Teil an Performanceaktionen (u.a.mit K.A.Sonderborg, A.R.Penck, Nina Hoffmann, Colin Gilder), schrieb die Musik für zahlreiche Theaterstücke und Filme, und trat auf vielen Festivals auf (New Music America, Nickelsdorf Konfrontationen, Zuid Netherlands Jazz Festival, Bizen Art Festival ...). 1996 Mitarbeit beim Theaterprojekt ‘les sortilèges - im bann des zaubers’ von Christian Marclay, Marstall, München, und ‘Moon and Amusement Park’ der ‘Free World Big Band’ mit der Tänzerin Kaho Kanzo, Xebec Hall, Kobe, Japan. 1997 u.a. Theaterprojekte mit Alexej Sagerer (Tonregie bei der 28-stündigen Theaterexpedition ‘... und morgen die ganze Welt’), Performance ‘Return to Rented Lagoon’ mit Gordon Monahan, Performances mit der Künstlerin Nina Hoffmann.
Ein neueres Projekt ermöglicht Echtzeit-Computermanipulationen, verwirklicht beispielsweise bei der Uraufführung eines Teils der Komposition ‘Have you found the letter A? - 20th century blues’ im Goethe Institut Tokyo: bei einem aus zehn Musikern bestehenden Ensemble wurden die Notenpulte durch Computermonitore ersetzt. Diese wurden live mit Informationen gespeist, eine flexible Verbindung von bestehendem Material und Improvisation. Dieses System wird beständig weiterentwickelt.
Förderpreisträger und Stipendiat für Musik der Stadt München
Neues Projekt
Kunst oder Unfall mit Augusta Laar
CD-Beilage zum Gedichtband weniger stimmen von Augusta Laar (Edition Selene, Wien) auch auf
Temporary Soundmuseum presents ...)
regelmässige Zusammenarbeit mit
Zeitblom: Hypersound concrète. Dj-live-deconstruction (zuletzt Steirischer Herbst/Hörfest Stainach). Arbeit an Hörspielen (z.B., links in black boxen, aus der Serie soundstories, Bayerischer Rundfunk, Amokkopf von Michael Farin, Hessischer Rundfunk, Metropolis, Fieber, Fritz Langs 'M') und Theatermusik (z.B. Penetrator von Anthony Neilson, Regie Jens-Daniel Herzog an den Münchener Kammerspielen; Don Carlos, Schauspiel Frankfurt a.M., Arabische Nacht, Tagesraum, Nationaltheater Mannheim). Gemeinsame Dj-live-sets, z.B. A short history of electronic music)
Takashi Kazamaki. Seit 1989 gibt es das Duo mit dem japanischen Perkussionisten. Auf Tourneen in Europa, USA und Japan haben sie mittlerweile an die 100 Konzerte gegeben und mehrere CDs eingespielt.
verschiedene Projekte mit der Choreographin und Tänzerin Lynn Parkerson, NY
Frank Schulte: electronic lounge. Von exotica zu electronic listening, dj & live-electronics. z.B. akustische Betreuung von ‘Tales of Light’, einer Lichtinstallation von Ingo Maurer in der Deutzbrücke, Köln 1998
1996 zusammen mit der Künstlerin Barbara Holzherr Gründung des
Temporären Klangmuseums in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München. Start der Nächte der verlorenen Musik. Als musikalischer Leiter und DJ Durchführung zahlreicher Veranstaltungen des Temporären Klangmuseums.
Discographie
Sucker’s Finale / Lullaby for James Coburn (Giù La Testa), auf Ennio Morricone Remixes vol.1, Compost Records 2003
Me, myself & I, auf on/off. intermedium, Intermedium Rec.016, 2003
KUNST ODER UNFALL
CD zu weniger stimmen, Gedichte. Augusta Laar, Selene Verlag, Wien 2004
laar/wesely
Metropolis Vinyl Picture Disc Series
Los Angeles I & II, 2001
São Paulo I - XII, 2002, 12 Picture Disc LP Box-set
laar/zeitblom
Das Warheads-Oratorium, Karmakar/Farin, Musik Kalle laar/zeitblom, Bayer.Rundfunk 1997
hypersound concrète, auf: audiolounge. intermedium I, BR
links in big boxen, mit Ulrich Schlotmann, auf: soundstories, BR
Metropolis, Nach Thea von Harbou und Fritz Lang, von Michael Farin, Musik laar/zeitblom, Ariola, 2002
Malsch, 1998, tkm1, 7“ (Metzgermeister Schäbitz beim Messerschleifen)
mit Takashi Kazamaki
Return to Street Level, 1990 Ear Rational, mit Elliott Sharp, Christian Marclay, Tom Cora, Nick Didkovsky, Paul Hoskin
Zizs, live in Tokyo & Yokohama, 1989 Omba/Tokyo, mit Otomo Yoshihide, Umezu Kazutoki
Floating Frames, 1992 Ear Rational, aufgenommen in Tallinn, St.Petersburg & New York, mit William Parker, Masahiko Kono, Vincent Charinoff
Moving, 1996 Konnex, mit Samm Bennett und Umezu Kazutoki
mit Ensemble Uncontrolled
Tales from the Forest, 1996 Leo Rec., aufgenommen live at Strange Fruit, Oiso, Japan, mit Christoph Gallio, Mart Soo, Eduard Akulin
Links, 2001 Slam Records
Straten - Unterirdischer Tourismus. Ein Hörspiel von Maria Volk, mit ThoThmann Anlagen, 1996 Hörsturz
Hörspiele
‘Das Warheads-Oratorium’ von Romuald Karmakar, Michael Farin, Realisation: Bernhard Jugel, laar/zeitblom
Radiomix. Live in Bayern2Radio
Vox Zombie. Wir hören die Stimme der Toten. Live-Radiofeature von Walter Filz, WDR 1999
Metropolis. Von Michael Farin nach Thea von Harbou und Fritz Lang, BR 2000 (Hörspiel des Jahres 2001, Silver Medal New York Festivals)
M-Eine Stadt sucht einen Mörder. Nach Fritz Lang, von M. Farin, Regie B. Jugel, laar/zeitblom, BR 2002
São Paulo Tracks. BR 2002
Filmmusik
Turksib, Dokumentarfilm über den Bau der Turkestan-Sibirischen Eisenbahn, Victor Turin, Russland 1929
The Death of Dark Animation in Europe, Priit Pärn 1992
Anima Doc, oTTo Alder, Stuttgart 1992
He disappeared into complete silence, Christine Cortina, München/New York 1994
Der Hauch des kleinen Gottes: Fjodor Chitruk und seine Filme, oTTo Alder 1998
Leon und Lara, Britta Sauer 2004
Musik für das CD-Rom Projekt des Designers Ingo Maurer, 1996
als Herausgeber
Temporary Soundmuseum presents, tkm2, 2001
La Paloma. One song for all worlds, vol.I, 1995 (Preis der Deutschen Schallplattenkritik),
vol.II, 1996, vol.III, 1997, vol.IV, 2000
Coco Schumann - 50 Years in Jazz, 1997, Coco Schumann Quartet live, 1999
Berlin. Großstadtklänge - Rare Schellacks 1908 - 1953, 1999
(alle erschienen bei Trikont, München)
Workshops und Vorträge zum Thema Klang, Klangwahrnehmung, Audiomaterial & Komposition und Sounddesign an der Musikhochschule Tallinn, Estland; Universidad Regiomontana Monterrey, Mexico, Goethe Institut Cordoba, Argentinien, Sao Paulo, Brasilien, Moskau, Deutsches Museum München
Lehrauftrag
an der Fachhochschule München, Projekt Architektur und Klang
Veröffentlichungen: Das Temporäre Klangmuseum. in: Tonabnehmer. Populäre Musik im Gebrauch. hg. von Harald Justin und Nils Plath, Münster 1998; What a day for a daydream. in: Das Gedicht, 2003